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Infos zur SEL ER56?
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Michael Engel
2017-10-25 23:46:04 UTC
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Hallo,

bei der Langen Nacht der Wissenschaften in Erlangen am vergangenen Wochenende wurde u.a. die Zuse Z23 der Informatik-Sammlung der FAU vorgeführt (und sie hat problemlos funktioniert!) [1].

Dabei kam die Diskussion auf eine Magnettrommel, die ich hier in meinem Labor von meinem Vorgänger geerbt habe [2]. Angeblich stammte die von einer Z23, es hat sich aber dank eines Kollegen aus Erlangen herausgestellt, dass die Trommel mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einer SEL ER56 [3] stammt, dem wohl ersten transistorierten Rechner in Europa, entwickelt von Karl Steinbuch (der u.a. auch den Begriff "Informatik" geprägt hatte und nach seiner Zeit bei SEL Professor an der TH Karlsruhe war). Wir fragen uns nun, wie diese Trommel nach Coburg kam - eine Z23 hatte die Hochschule wohl tatsächlich einmal besessen, von einer ER56 weiss zumindest auf Anhieb niemand...

Dank der Webseiten der Uni KL sind viele Informationen über die Maschine erhalten geblieben. Was ich aber nicht herausfinden konnte ist, ob eine der Maschinen tatsächlich noch existiert. Die Webseiten in KL zeigen Fotos eines Lagerraums mit Modulen einer ER56 [4], es ist aber erstmal nicht klar, wo dieses Lager ist (in KL selbst evtl.?) und ob die Komponenten noch existieren. Nach einer kompletten Maschine sieht das aber leider nicht aus.

Hat jemand von euch evtl. noch zusätzliche Infos zur ER56? Würde mich freuen, mehr über den Rechner zu erfahren...

-- Michael

[1] http://multicores.org/blog/zuse-z23-at-rrze-erlangen.html
[2] http://multicores.org/blog/our-own-z23-magnetic-drum.html
[3] http://museum.informatik.uni-kl.de/Rechner/SEL%20ER-56/
[4] http://museum.informatik.uni-kl.de/Rechner/SEL%20ER-56/Fotos/Steckeinheiten/000%20Steckeinheiten%20im%20Lagerraum/
Ralf Kiefer
2017-10-26 00:55:17 UTC
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Moin!
Post by Michael Engel
Die Webseiten in KL zeigen Fotos eines Lagerraums mit Modulen einer ER56
[4],
Hast Du auf diesen Fotos das "SE Tisch 2.JPG" angeschaut? Im Hintergrund
steht auf irgendwas "ZUSE Z25" drauf und "wird im Juli abtransportiert".
Auf "SE auf Tischen.JPG" ist das Ensemble nochmal drauf.

Gruß, Ralf
Michael Engel
2017-10-26 08:51:24 UTC
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Post by Ralf Kiefer
Moin!
Post by Michael Engel
Die Webseiten in KL zeigen Fotos eines Lagerraums mit Modulen einer ER56
[4],
Hast Du auf diesen Fotos das "SE Tisch 2.JPG" angeschaut? Im Hintergrund
steht auf irgendwas "ZUSE Z25" drauf und "wird im Juli abtransportiert".
Auf "SE auf Tischen.JPG" ist das Ensemble nochmal drauf.
Ich hoffe mal, dass die Z25 in einem Museum gelandet ist (zusammen mit den
ER-56-Modulen). Laut Horst Zuses Webseite [1] sind wohl noch insgesamt 8
Maschinen bekannt, die in Museen oder Sammlungen überlebt haben.

Mit der Uni KL habe ich mal per Mail Kontakt aufgenommen und hoffe auf weitere
Details.

-- Michael

[1] http://www.horst-zuse.homepage.t-online.de/z-museum.html
Ralf Kiefer
2017-10-26 10:02:58 UTC
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Post by Michael Engel
Ich hoffe mal, dass die Z25 in einem Museum gelandet ist (zusammen mit den
ER-56-Modulen). Laut Horst Zuses Webseite [1] sind wohl noch insgesamt 8
Maschinen bekannt, die in Museen oder Sammlungen überlebt haben.
Der Hinweis auf die Z25 und einen Juli liefert vielleicht den Hinweis,
wo das Bild entstand und in welchem Zusammenhang die abgebildeten Teile
standen. 8 bekannte Z25 sind eigentlich überschaubar und deren jüngere
Geschichte bekannt.

Gruß, Ralf
Christian Corti
2017-10-26 08:24:23 UTC
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Post by Michael Engel
[3] http://museum.informatik.uni-kl.de/Rechner/SEL%20ER-56/
Wie kommt der Ordner der TH Stuttgart nach Kiel???? Die Antwort würde
uns hier mal interessieren, wir hatten nämlich auch einen ER-56 ;-)

Christian
Michael Engel
2017-10-26 08:48:06 UTC
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Post by Christian Corti
Post by Michael Engel
[3] http://museum.informatik.uni-kl.de/Rechner/SEL%20ER-56/
Wie kommt der Ordner der TH Stuttgart nach Kiel???? Die Antwort würde
uns hier mal interessieren, wir hatten nämlich auch einen ER-56 ;-)
Kaiserslautern, nicht Kiel. Wie der dahinkommt ist mir auch nicht klar - aber
ich habe den Betreuer des Museums, Reinhard Kirchner, mal angemailt
(witzigerweise war der vor 25 Jahren mein Betreuer im Hardwarepraktikum...)
und um weitere Informationen gebeten.

Es gab wohl nur drei ER-56 an deutschen Hochschulen, neben der TH Stuttgart
noch an der TH Karlsruhe (wo Steinbuch ja nach seiner SEL-Zeit Professor war)
und an der Uni Köln.

-- Michael
Christian Corti
2017-10-26 08:28:05 UTC
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Ich meine Kaiserslautern natürlich. Kiel war eine andere, traumatische
Baustelle...

Christian
Klemens Krause
2017-10-26 12:05:38 UTC
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Christian Corti wrote:
....
Post by Christian Corti
Wie kommt der Ordner der TH Stuttgart nach Kiel???? Die Antwort würde
uns hier mal interessieren, wir hatten nämlich auch einen ER-56 ;-)
dieser ER 56 war bis 1969 an der Uni Stuttgart in Betrieb. Danach wurde
er nach Kaiserlautern abgegeben.
Herr K. hatte mich im Juni 2012 kontaktiert, nachdem sie den "kompletten"
Rechner abgegeben hatten. Unser erster Kontakt lief damals telefonisch,
ich weiss nicht mehr wohin der ging, und in welchem Zustand er zum
Schluss war.
Ehrlich gesagt, war ich ein bisschen angefressen deswegen und war nicht
sehr motiviert, nach KL zu fahren und dort die Überreste einzusammeln.
So blieb es dabei, dass uns Herr K. einen Kartons mit ein paar wenigen
Modulen schickte.

Klemens
Klemens Krause
2017-10-26 12:48:04 UTC
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Post by Michael Engel
SEL ER56 [3] stammt, dem wohl ersten transistorierten Rechner in Europa,
Einspruch. Um diese Ehre kloppt er sich mit Professor Zemanenks "Mailüfterl".


Klemens
Michael Engel
2017-10-26 12:54:20 UTC
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Post by Klemens Krause
Post by Michael Engel
SEL ER56 [3] stammt, dem wohl ersten transistorierten Rechner in Europa,
Einspruch. Um diese Ehre kloppt er sich mit Professor Zemanenks "Mailüfterl".
Gerne akzeptiert, Wikipedia ist da wohl parteiisch [1]:
"Bei der SEG und der nach Fusion mit C. Lorenz im Jahr 1958 aus ihr
hervorgegangenen Standard Elektrik Lorenz (SEL) leitete er [Steinbuch]
die Entwicklung des „ER 56“, des ersten volltransistorisierten
Computersystems in Europa"

Wobei natürlich auch die Frage ist, wie "volltransistoriert" definiert ist...

-- Michael

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Steinbuch
Klemens Krause
2017-10-26 16:08:46 UTC
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Post by Klemens Krause
Post by Michael Engel
SEL ER56 [3] stammt, dem wohl ersten transistorierten Rechner in Europa,
Einspruch. Um diese Ehre kloppt er sich mit Professor Zemanenks "Mailüfterl".
Nö, Wikipedia ist widersprüchlich. Beim Mailüfterl steht in Wikipedia ebenso,
dass es das erste transistorisierte Rechnerl in Europa war. ;-)
Übrigens gab es vom Siemens 2002 ebenfalls laut Wikipedia einen ersten
Prototypen im Jahr 1956.

Ich habe aber noch ein bisschen was zum ER56 gefunden:

In dem Heft "Stand des elektronischen Rechnens und der elektronischen
Datenverarbeitung" (1961) herausgegeben von der DARA findet sich:
ER 56: Rechenzentrum der Standard Elektrik Lorenz AG, Stuttgart
Universität Bonn
Technische Hochschule Stuttgart
Universität Köln

Im Heft 2 dieser Reihe von 1962 ist aufgeführt:
ER 56: Universität Bonn
Universität Köln
Technische Hochschule Stuttgart
Technische Hochschule Karlsruhe
Universität Santiage de Chile
Rechenzentrum der SEL AG. (3 Anlagen)
Ein Benutzer anonym

Dann geht es weiter:
Informatik-System (Standard Elektrik Lorenz AG)
ES 92: Großversandhaus "Quelle"
(Auftragsbarbeitung und Bestandsfortschreibung)
DB 10: Deutsche Bundesbahn, Frankfurt
(Fernbuchung von Autoplätzen auf Fährschiffen)
DB 40: Scandinavian Airlines System (SAS), Kopenhagen
(Fernanfragesystem über die Verfügbarkeit von Passagier-
plätzen in Flugzeugen.)
DB 40: British Overseas Airways Corporation (BOAC), London
KA 21: Scandinavian Airlines System (SAS), Kopenhagen
(Automatische Passagierabfertigung und Startgewichts-
berechnung für Flugzeuge)

Ich habe dann noch in einem Spiegelartikel einen lustigen Artikel
zum Verbleib von zweien der beiden Rechner aus dem SEL-Rechenzentrum
gefunden:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43376340.htm

Klemens
Michael Engel
2017-10-26 17:55:05 UTC
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Raw Message
Post by Klemens Krause
Post by Klemens Krause
Post by Michael Engel
SEL ER56 [3] stammt, dem wohl ersten transistorierten Rechner in Europa,
Einspruch. Um diese Ehre kloppt er sich mit Professor Zemanenks "Mailüfterl".
Nö, Wikipedia ist widersprüchlich. Beim Mailüfterl steht in Wikipedia ebenso,
dass es das erste transistorisierte Rechnerl in Europa war. ;-)
Oh, stimmt... nuja, die allwissende Müllhalde ;). Spannend finde ich einige Kommentare (Quellen muss ich nachschlagen, wildes Googlen), dass Zemanek dann später bei IBM in Zürich am Entwurf des System 360 beteiligt war und diese angeblich einige Eigenschaften vom Mailüfterl übernommen hat. Wäre ein interessantes Forschungsprojekt - nur leider interessiert das in der Informatik kaum jemanden :(.
Post by Klemens Krause
Übrigens gab es vom Siemens 2002 ebenfalls laut Wikipedia einen ersten
Prototypen im Jahr 1956.
Ich glaube, die Uni Siegen hatte eine 2002. Da muss ich mal Kontakt aufnehmen,
eine alte Siemens-Maschine stand noch bis Ende der 90er im Keller rum, das müsste
eine 2002 gewesen sein.
Post by Klemens Krause
In dem Heft "Stand des elektronischen Rechnens und der elektronischen
ER 56: Rechenzentrum der Standard Elektrik Lorenz AG, Stuttgart
Universität Bonn
Technische Hochschule Stuttgart
Universität Köln
Bonn hatte ich auch erwähnt gesehen, im Taschenbuch der Informatik
Band 1 (von Steinbuch und Weber herausgegeben) werden TH Stuttgart (Recheninstitut), TH Karlsruhe und Universitäten zu Köln und Bonn (Inst. f. angewandte Mathematik) erwähnt (S. 28, Auszüge bei Google Books). Da war mir nicht ganz klar, ob sich evtl. Köln und Bonn eine Maschine geteilt haben.
Post by Klemens Krause
ER 56: Universität Bonn
Universität Köln
Technische Hochschule Stuttgart
Technische Hochschule Karlsruhe
Universität Santiage de Chile
Das ist mal exotisch. Zur ER-56 in Chile gibt's sogar einen Artikel unter https://users.dcc.uchile.cl/~cgutierr/hcyt/lorenzo.pdf (auf Spanisch).
Post by Klemens Krause
Rechenzentrum der SEL AG. (3 Anlagen)
Ein Benutzer anonym
Informatik-System (Standard Elektrik Lorenz AG)
ES 92: Großversandhaus "Quelle"
(Auftragsbarbeitung und Bestandsfortschreibung)
In Nürnberg wird auch das Postscheckamt als Kunde erwähnt:
https://m.heise.de/newsticker/meldung/Was-war-Was-wird-Von-der-Cyber-Apo-zur-Cyber-Wehrpflicht-3343424.html

-- Michael
Ralf Kiefer
2017-10-26 21:30:41 UTC
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Post by Michael Engel
Post by Klemens Krause
Universität Santiage de Chile
Das ist mal exotisch. Zur ER-56 in Chile gibt's sogar einen Artikel unter
https://users.dcc.uchile.cl/~cgutierr/hcyt/lorenzo.pdf (auf Spanisch).
Zum Stichwort Chile fällt mir zuerst deren Staatsprojekt der 1970er
Jahre ein: CyberSyn. Aber es sieht nicht aus, wie wenn das eine
gemeinsame Geschichte hätte. Die Liste der Projekte auf der ER56 reichen
in dem spanischen Text nur bis 1966, CyberSyn startete 1971, und das
außerdem auf einer IBM 360 (sagt die Wiki).

Gruß, Ralf
Klemens Krause
2017-10-27 11:51:20 UTC
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Ich habe hier die Zeitung "Elektronische Rechenanlagen" Heft 6, 1983
vor mir liegen. Die haben da wohl einen Rückblick auf ihr 24jähriges
Bestehen zelebriert.
Da gibt es eine Reihe "Historische Bilder", in der es u. A. Aufsätze
von W. de Beauclair und Heinz Zemanek gibt.
Er schreibt darin, dass Mailüfterl im Nov. 1957 280 Betriebsstunden
auf dem "Tacho" hatte, und dass Standesgemäß im Mai 1958 der Aufbau
abgeschlossen war.
Am 27. Mai 1958 habe das Mailüfterl dann in 66 Minuten die Primzahl
5 073 548 261 berechnet. Das sei das erste nichttriviale Programm
gewesen.
Im Juni 1958 hatte Mailüfterl 700 Stunden auf dem Zähler.

Aufgebaut wurde es aus:
3000 Transistoren von Philips
5000 Transistoren von Philips
1500 Speicherringe von Dralowid
15000 Widerstände von Ingelen
5000 Kondensatoren von Ingelen
20000 m Schaltdraht von Huber & Drott.

Wer die 100000 Lötstellen geliefert hat, schreibt er leider nicht. :-(


Klemens

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