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Zuse Z22
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K. Krause
2020-01-17 09:50:53 UTC
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Angeregt durch einen Besuch im ZKM im vergangenen Dezember, und durch
die Art, wie die Z22 dort präsentiert ist, zu der ich eine Meinung habe,
die ich hier aber nicht äussere, haben wir gestern Abend mal unsere
Zuse Z22-Trommel aus dem Depot geholt und uns näher angeschaut.
Das gute Stück wiegt geschätzt so ca 50-60kg. Alleine kriege ich es
nicht vom Boden hoch.
Unsere Trommel ist der Typ 59, hat die Seriennummer 236 und das Baujahr
1965.
Optisch ist sie in einem guten Zustand. Wir haben die Abdeckungen der
8 Schreib/Lesekopfbänke abgeschraubt. Jede Kopfbank besitzt 35 Köpfe,
von denen offensichtlich drei zur Reserve dienen. Die Köpfe können durch
gekonterte Schrauben über ein Hebelsystem in der Höhe verstellt bzw
justiert werden. Dieser Verstellmechanismus hat leichten Flugrost.
Einer der Köpfe ist deutlich von der Trommel abgehoben, und die Justage-
schraube ist mit rotem Lack markiert. Ausserdem ist dieser Kopf
abgelötet und auf eine Reservespur umverdrahtet. Die übrigen 23 Reserve-
spuren sind offensichtlich unbenutzt.

Die Trommel lässt sich leicht und ohne Kratzgeräusche drehen. Daher war
die Idee, sie mal anlaufen zu lassen und mit einem Oszi zu schauen, was
auf der Trommel so drauf ist.
Als Motor dient ein "OR225-2", ein Drehstrommotor von Siemens-Schuckert
mit 5800 U/Min. Da der Motor 1:1 mit der Trommelachse gekoppelt ist, ist
das auch die Trommeldrehzahl. In der Literatur wird die Trommeldrehzahl
mit 6000 U/Min angegeben.

Also: Anschrauben eines aktuellen CEE-Steckers, Einstecken in die
nächste 32A-Drehstromdose, und schon begann die Trommel hochzutouren.
Leider endete das Experiment damit, dass sich der "OR225-2" in einen
schnellen Brüter verwandelte, der unter großer Hitzentwicklung Rauch
und üble Gerüche absonderte. :-(
Das zwang uns zur Schnellabschaltung und die nächsten Minuten waren
wir mit Fenster- und Türenaufreissen beschäftigt, um zu verhindern dass
der Fanfarenzug rot-weiss mit viel Gerassel und Schellengeläut wieder
anrückt, wie es uns im Juni 2017 schon mal gelungen ist.

Fazit: auch aus unvollendeten Experimenten kann man lernen, Wieder-
vorlage bei Gelegenheit.

Klemens
Ralf Kiefer
2020-01-17 13:49:54 UTC
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Hallo!
Post by K. Krause
Angeregt durch einen Besuch im ZKM im vergangenen Dezember, und durch
die Art, wie die Z22 dort präsentiert ist, zu der ich eine Meinung habe,
die ich hier aber nicht äussere, [...]
Den Betrieb des ZKM darf und muß man mittlerweile kritisch betrachten,
weil sich dort im Laufe der Jahre eine "Unternehmenskultur"
eingeschlichen zu haben scheint, die nicht unbedingt vorteilhaft für den
Museumsbetrieb, also die Bewahrerfraktion, ist. Mein persönlicher,
allerdings ausschnittsweiser Eindruck: die (auch relevanten)
ZKM-Mitarbeiter sehen sich in erster Linie als Künstler*Innen[1]. Der
große Chef Weibel hat zwar in den vergangenen 20Jahren sehr viel für das
ZKM getan, aber ich hörte im Laufe der Jahre mehrfach die Andeutung,
daß, wenn Weibel dieser Tage den Posten verlassen würde, man über manche
Themen anders reden könne. Allerdings wurde sein Vertrag verlängert. Ein
paar weitere Jahre Stillstand im ZKM für manch ein liegengebliebenes
Thema.
Post by K. Krause
Als Motor dient ein "OR225-2", ein Drehstrommotor von Siemens-Schuckert
mit 5800 U/Min.
Ist das sozusagen ein Standardmotor, der auch für andere Einsatzfälle
genommen wurde?
Post by K. Krause
Fazit: auch aus unvollendeten Experimenten kann man lernen, Wieder-
vorlage bei Gelegenheit.
Fazit: ihr hattet Spaß und das auch bei der eurer spontanen
Körperertüchtigung ;-) Blöd nur für den Trommelspeicher.

Ich wünsche euch Erfolg bei der Reparatur oder eher bei der Suche nach
einem, der den Motor neu wickeln kann.

Gruß, Ralf

[1] Die Hochschule für Gestaltung ist im gleichen Gebäude nebenan und
liefert den Personalbedarf. Zur HfG habe ich wiederum einige nicht sehr
vorteilhafte Ansichten geschildert bekommen und auch selbst erlebt.
K. Krause
2020-01-17 15:24:51 UTC
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Hi Ralf,
Post by Ralf Kiefer
Den Betrieb des ZKM darf und muß man mittlerweile kritisch betrachten,
weil sich dort im Laufe der Jahre eine "Unternehmenskultur"
eingeschlichen zu haben scheint, die nicht unbedingt vorteilhaft für
den Museumsbetrieb, also die Bewahrerfraktion, ist.
danke für Deine unterstützende Einschätzung der Lage. :-) Ich blicke ja
nicht hinter die Kulissen, sondern nur davor. Und ziehe aus sichtbaren
Details meine Folgerungen.


Wir haben inzwischen eine neue Theorie: Dieser Motor, der in der Tat
wohl ein Standardmotor ist, ist laut Typenschild für 100Hz ausgelegt.
Vielleicht sind bei Unterfrequentem Betrieb die Verluste so groß, dass
das den Reaktor zum Sieden bringt?
Motoren dieser Leistungsklasse findet man im Internet in der 100 €-
Klasse. Die sind aber alles 50Hz-Motoren und drehen nur bis 3000 U/Min.
Die Drehzahl ist ja bei solchen Motoren eine Frage der Pole und der
Frequenz. Ich vermute, dass das ein Asynchronmotor ist.
In der Hoffnung, dass im Inneren noch nicht alles verbrannt ist, habe
ich mal bei benachbarten Instituten nach einem Umrichter Ausschau ge-
halten. Kann sein, dass sich nächste Woche was ergibt.
Wenn da nix geht, kann man sicher auch einen provisorischen Antrieb
für die Trommel bauen. Im Prinzip muss sie ja nur schnell genug drehen,
dass die in den Köpfen induzierten Spannungen per Op-Amp & Co auswert-
bar sind.
Das haben wir vor 20 Jahren mit der Trommel unseres LGP-30 auch so
gemacht.
Post by Ralf Kiefer
Fazit: ihr hattet Spaß und das auch bei der eurer spontanen
Körperertüchtigung ;-) Blöd nur für den Trommelspeicher.
Ich denke der Trommel hat das nix gemacht. Die ist ja gekapselt.
Bei Gelegenheit tue ich mal ein paar Bilder auf unsere Museumsseite.

Grüße
Klemens
p***@pocnet.net
2020-01-17 22:35:01 UTC
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Post by K. Krause
Wir haben inzwischen eine neue Theorie: Dieser Motor, der in der Tat
wohl ein Standardmotor ist, ist laut Typenschild f?r 100Hz ausgelegt.
Vielleicht sind bei Unterfrequentem Betrieb die Verluste so gro? dass
das den Reaktor zum Sieden bringt?
Jein. Genau genommen flie?t durch die geringere Frequenz ein h?herer Strom
durch die Wicklungen. Es handelt sich ja um Induktivit?ten und bekannterweise
haben jene mit steigender Frequenz einen h?heren Blindwiderstand.

Das ist auch mithin ein Grund weswegen Drehzahlsteller f?r Motore ?ber einen
halbleiterbest?ckten Frequenzumrichter nicht nur die Frequenz ?ndern, sondern
auch bei niedrigeren Frequenzen den Strom begrenzen und ggfs. bei h?heren mit
der Spannung (und damit mit dem Strom) hochgehen, damit stets ein maximales
Drehmoment bei tolerabler thermischer der Wicklung Belastung entsteht.
Post by K. Krause
In der Hoffnung, dass im Inneren noch nicht alles verbrannt ist, habe
ich mal bei benachbarten Instituten nach einem Umrichter Ausschau ge-
halten. Kann sein, dass sich n?chste Woche was ergibt.
Ich dr?cke die Daumen!

:wq! PoC
Olaf Schmitt
2020-01-19 11:31:22 UTC
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Post by K. Krause
Ich denke der Trommel hat das nix gemacht. Die ist ja gekapselt.
Bei Gelegenheit tue ich mal ein paar Bilder auf unsere Museumsseite.
Und die wäre?

Olaf
Klemens Krause
2020-01-19 20:54:45 UTC
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Post by Olaf Schmitt
Post by K. Krause
Bei Gelegenheit tue ich mal ein paar Bilder auf unsere Museumsseite.
Und die wäre?
Erst mal auf die Schnelle
http://computermuseum.informatik.uni-stuttgart.de/dev/z22_d


Klemens
Olaf Schmitt
2020-01-20 01:48:03 UTC
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Post by Klemens Krause
Post by Olaf Schmitt
Post by K. Krause
Bei Gelegenheit tue ich mal ein paar Bilder auf unsere Museumsseite.
Und die wäre?
Erst mal auf die Schnelle
http://computermuseum.informatik.uni-stuttgart.de/dev/z22_d
Klemens
Danke!

Olaf
Martin Hepperle
2020-02-05 13:42:26 UTC
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Post by K. Krause
[...]
Fazit: auch aus unvollendeten Experimenten kann man lernen, Wieder-
vorlage bei Gelegenheit.
Klemens
Oooch, einfach schnell mal neu wickeln...

11 Freunde müsst ihr sein, dann geht das schon.

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